“Papa, was ist ein Spießer?“ fragt ein kleines Mädchen seinen Vater – einen Bauwagenpunk, in einem Werbespot für irgendetwas, das mit Eigenheimen zu tun hat. Und prompt möchte das Mädchen möchte irgendwann selbst zum Spießer werden, wenn es einmal groß ist. Doch auf wen trifft die Bezeichnung Spießbürger denn heutzutage überhaupt zu?

Der Spießer wohnt für gewöhnlich im Reihenhaus in der VorstadtWortherkunft des Spießbürgers

Im Mittelalter war der Spießbürger ein Bürger, der in der Stadt wohnte. Der Begriff grenzte ihn von den Pfahlbürgern ab, die in der Vorstadt ansässig waren. Während der Pfahlbürger (vermutlich in der Bedeutung von „Falschbürger“) vor den Toren der Stadt hauste und somit nicht wirklich der Stadt zugehörig war, besaß der Spießbürger das Stadtrecht und war zudem befugt, seinen Wohnort mit einem Spieß zu verteidigen. Später erfuhr der Begriff eine Abwertung und war mit zunehmender Entwicklung auf dem Sektor der Waffenerfindung und -herstellung zunehmend eine Bezeichnung ärmerer Bürger, die keine elaboriertere oder effizientere Waffe als den Spieß führten.

Nach der Theorie Karl Marx‚ ist der Bürgerstand, die Bourgeoisie, nach einstmaliger Emanzipation dem Adel gegenüber selbst zur reaktionären führenden Klasse geworden, weshalb die Arbeiterklasse logischerweise als emanzipatorische Gesellschaftsschicht im Klassenkampf dem Bürgertum gegenüberstehe, weshalb sich im 20. Jahrhundert der Ausdruck „Spießer“ vor allem auf die gesellschaftlichen Führungseliten bezog. Er war also ein Ausdruck linker Gesellschaftskritik, eine Benennung des Klassenfeindes.

Der Spießer heute

Heutzutage ist das Proletariat weitestgehend abgeschafft oder sieht sich selbst nicht mehr als solches. Der Marx’schen Gesellschaftstheorie zufolge sind die Proletarier diejenigen Teile der Gesellschaft, die nicht über die Produktionsmittel verfügen, sondern ihre Arbeitskraft verkaufen. Weite Teile des Mediensektors also. Mag es an der negativen Aufladung des P-Wortes liegen (wer ist schon gern Prolet?) oder an dem Umstand, dass der Mediensektor vor 2001 ein florierendes und einträgliches Arbeitsfeld war und daher womöglich noch heute mit dem anachronistischen Nimbus der erfolgreichen Goldgräberkolonie assoziiert ist – niemand will mehr Proletarier sein. Und wo die Arbeiterklasse keine solche mehr sein will, wer definiert dann den Spießer? Etabliert hat sich inzwischen aber ein neues P-Wort: der Begriff des Prekariats: „ungeschützte Arbeitende und Arbeitslose“.

Das also, was man früher mit „Lumpenproletariat“ bezeichnet hätte, nur dass prekäre Arbeitsverhältnisse heutzutage immer weiter reichend an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen. Allein, Emanzipationspotential traut dem Prekariat kaum jemand zu. Zumindest liegt kein umstürzlerischer theoretischer Überbau parat. Wer heutzutage das Proletariat ist, ist eine Sache des Standpunktes und ein vielleicht schwieriger Begriff im Bezug auf heutige Arbeitsverhältnisse. Eventuell ist sein Wegfall aber auch nur eine Sache von Eitelkeit.

Und der Spießer? Vielleicht genauso schwierig zu bestimmen. Fest steht jedoch: viele der einstigen Kritiker der Bourgeoisie gehören mittlerweile zum Bürgertum oder adaptieren bürgerliche Muster. Man erklärt sich zum „Neo-Spießer“ und kauft Häuser. Auch in der Vorstadt. Wohin man sich die Grüne Kiste liefern lässt. Oder Bio-Holundersaft. Ob man dies für gesellschaftliches Angekommensein hält oder bloß ein legitimes Ruhebedürfnis im Alter, Versiegen der Energien und Stagnation oder bloß Vernunft, das muss wohl jeder selbst beurteilen – eine einheitliche Definition scheint es momentan nicht annähernd zu geben.

Ob spießig oder nicht: wenn man ein Haus kauft, hat man vermutlich auch Kinder, und die wollen turnen. Und wenn man ihre Abenteuerlust auf diese Weise stimuliert, dann wollen sie vielleicht später selbst Bauwagenpunks werden. Oder Spießer. Oder etwas Neues, für das es noch gar keine Bezeichnung gibt.

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